David macht Land!

Raus aufs Land

Heute ist mein Geburtstag! Zeit zu reflektieren, was mich persönlich bewog, die Stadt zu verlassen…

Es ist 08:42 am 12. November 2017. Vor 35 Jahren erblickte ich das Licht der Welt. Geburtstagen obliegt oft eine gewisse Schwermut. Es geht ums Älterwerden. Eigentlich etwas, das man nicht gerne feiert. Blickt man dem Teufel dann ins Spiegelbild, lässt sich die eigene Vergänglichkeit für diesen Augenblick auch nicht mehr wirklich verdrängen. Trotzdem wagt man einen Aus-, Fern- und Rückblick – dreht sich gerne und schnell um sich selbst – und versucht sich im Angesicht des Welkens an Erklärungen. Hier ein friedvoller Versuch…

Wo Licht da Schatten

Gut behütet auf dem Land erwachsen – zwischen bunten Wiesen und Feldern, inmitten der Jahreszeiten geerdet – habe ich meine ersten Jahre im Einklang erlebt. Dann kamen das Fernweh, die Lust nach Abenteuer, und die Großstadt. Der Tumult und die Vielfalt – und alles in rauen Massen – prägten eine abenteuerliche Reise. Auf anfängliche Euphorie und Begeisterung folgten Orientierungslosigkeit und Verlust. Die Komplexität war für mich nicht mehr greifbar. Ich fühlte mich nicht mehr Teil dieses urbanen Netzwerks, sondern wie ein kleiner Fisch in trüber Pfütze. So trüb, dass mir die Weitsicht fehlte. Im Schatten dunklen Wassers näherte sich ein Ungeheuer und nahm mir Luft und Raum. Überall musste ich mich fürchten und hyperventilierte viel darüber nach, was dieses Ungeheuer wohl antrieb, mich heimzusuchen. Überrumpelt fasste ich den neuen Plan, mich beruflich zu verwandeln…

Nähe und Distanz

Empathie und Einfühlungsvermögen attestierten mir die Eignung als Pädagoge. In inniger und vertrauter Bindung schaffte ich den Spagat zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz. Doch leichter wird die Arbeit dadurch nicht: Den Trägern fehlen Finanzmittel und Personal, was sie zur Ausbeutung ihrer Mitarbeiter zwingt, denn die Politik schüttet gerade so viel Geld aus, um eine Gouvernementalität zu sichern. Diese prekären Arbeitsbedingungen als Rahmen für die Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen hatten noch einen weiteren Effekt: Ich konnte mich rational von den Erlebnissen meiner Klienten abgrenzen, in meiner vom Unterbewusstsein diktierten Alltagsrealität jedoch nicht. Ich beobachtete, wie sich mein Habitus veränderte. Hass und Gewalt gaben mir ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Und so fiel mir eines Tages auf, dass ich beim Wandern durch die Stadt nur noch auf den Boden schaute. Plötzlich war die lang ersehnte Nähe zu den Dingen und zur Welt zu nah und groß geworden…

Konsumensch im Hamsterrad

Medienkonsum prägt und die Sozialen Netzwerke sind voll von Hass, Gewalt und Werbung. So viel Werbung für so viele tolle Sachen, die wir alle unbedingt brauchen oder brauchen sollen! Auf Blogs, Youtube, Instagram und Facebook  werden Leute zu Influencern gemacht, um Content zu produzieren, der Kaufanreize bietet. Und dann diese überfüllte und übersättigte Stadt, in der es kaum noch Freiräume gibt, selbst zu produzieren: Kino, Theater, Konzert, Kneipe, Restaurant. Immer Maul aufhalten, rumsitzen, fressen und Geld ausgeben! Und um das zu verdienen, muss man seine Zeit opfern. Und dann kommt nach dem Konsum wieder diese Leere, die gestopft werden will, die man dann am Besten mit Konsum füllt. Aber eigentlich wollte ich schon immer mehr Produzent sein und mehr erzeugen, als ich nehmen könnte. Etwas da lassen, was diese Welt ein Stück besser machte. Es fehlten ein Acker und ein Beet, wichtiger Nährboden, und natürlich Luft und Licht. Und die eigene Zeit, die man dem Samenkorn zugesteht, um es wachsen zu lassen…

Mut zum Alter

So wie alles reifen muss, reifte auch die Überlegung, der Großstadt den Rücken zu kehren. Am Anfang stand die Sehnsucht nach mehr Luft und Raum und paarte sich allsbald mit der Angst vor Stagnation und Altertum: War man wirklich schon so weit, dem bunten Treiben der Metropole den Rücken zu kehren? War man schon so übersättigt und abgegessen, so ausgebrannt und schwergängig? Und so stellte sich mit dem Vorhaben der Stadtflucht auch ein Gefühl des Alterns ein. Denn wenn man beschließt, die Zelte abzureißen und woanders ein Haus zu beleben, hat das etwas von Endgültigkeit und finalem Ankommen. Hier wird man alt werden und irgendwann mal sterben wollen. Diese ohnehin unabwendbare Etappe des Vergehens wird einem ins Bewusstsein gespült und rückt damit unweigerlich ein Stückchen näher.
Diese Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit wird durch die älteren Menschen auf dem Dorfe nicht geschmälert werden! Denn anders als die Großstadt, die für Alles, das ängstigt, unbehaglich fühlen lässt oder ablehnbar erscheint, Ausweichsmöglichkeiten bietet, lässt sich auf dem Land nicht so einfach eine Parallelwelt installieren. Hier wird man die Komfortzone verlassen müssen…

Mut zur Lücke

Ich habe in Berlin viele Menschen getroffen, die stetig unzufrieden oder rastlos erschienen, die sich dauerhaft abzulenken versuchen und sich selbst hinterhereifern müssen. Da ist die Angst, etwas zu verpassen und die Angst, Zeit zu vertun. Da ist die Angst, nicht effizient und vielseitig genug zu bleiben und die Angst, den Sinn nicht zu entdecken. Und alles nagt von unten an der Oberfläche…
Ich selbst bin oder war einer dieser Menschen. Wie werde ich diesen Raum füllen, der sich plötzlich auftut und durch’s Nichtstun entsteht!? Kann ich es wieder erlernen, innezuhalten und auszuharren? Was wird in mir passieren, wenn mich die Einsamkeit und Stille auf mich selbst zurückwirft? Für mich bedeutet das Land und die Weite auch die Konfrontation mit mir selbst! Ich freue mich zu wachsen!

Verzicht als Gewinn

Auf einem Blog zum Thema Urban Gardening stieß ich auf ein Foto, das aus dem aktuellen Ikea-Katalog hätte sein können. In diesem sitzt die Autorin in ihrem Sessel und schaut sehnsuchtsvoll mit einer Kaffeetasse in der Hand zum Fenster. Die Bildunterschrift: „Kaffee genießen aus handgemachter Tasse von XY, nachdem ich meine Pflänzchen in die Blumentöpfe von XY gepflanzt habe. Ein erfolgreicher Tag geht zu Ende!„. Selbstverständlich waren alle Produkte zu einem Amazon Artikel verlinkt. Diese Frau musste eine schlichte Tasse für 35€ kaufen oder für einen aus Beton gegossenen Blumentopf 25€ bezahlen, um einen Erfolg zu verspüren.
Ich stelle mir vor, wie ich diese Tasse mit eigenen Händen aus dem Ton forme und mir einen Blumentopf aus Beton gieße – für zwei Stunden meiner Zeit und Zweimarkfünfzig… Das ist ein erfüllter Tag! Und auf diese Tage freue ich mich!

In diesem Sinne, euch allen einen schönen Tag!

David

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